18 Mai 2019

Leidenschaft oder doch Sexsucht?

Submitted by M.Geiger

Erstmals wird Sexsucht (Zwanghaftes Sexualverhalten / 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder) in das neue Verzeichnis der Erkrankungen ICD-11 aufgenommen.

Sind jetzt viele Menschen, die oft und gerne Sex haben wollen sexsüchtig und somit krank? Ab zum Arzt oder Therapeuten? 

Können die jeweiligen PartnerInnen aufatmen, weil es endlich eine Diagnose für sein/ihr Drängen gibt?

Moment, dazu sollten Sie sich etwas mehr Zeit zum Lesen nehmen.

Bild: zwei Liebende mit BlumenstraussSexsucht gehört zu den sogenannten Impulskontrollstörung. Wie bei den sogenannten substanzgebundenen Süchten gelangen die Betroffenen vom Gebrauch langsam zu unkontrolliertem Gebrauch und schließlich zum Mißbrauch. DieToleranzentwicklung sowie körperliche Entzugssymptome sind bei der Sexsucht eher nicht der Fall.

Was sind nun die Symptome?

  • Nichtbeherrschung intensiver sexueller Impulse + Verhalten länger als >6 Monate andauernd
  • wiederholende sexuelle Aktivitäten werden zum zentralen Punkt im Leben einer Person,
  • Vernachlässigen von Gesundheit, persönlicher Fürsorge oder andere Interessen, Aktivitäten und Verantwortlichkeiten
  • Beeinträchtigung der persönlichen, familiären, sozialen, erzieherischen, berufliche oder andere wichtige Funktionsbereiche, Einbuße sozialer Beziehungen
  • hoher Zeitbedarf für die Beschäftigung mit sexuellen Impulsen und Verhaltensweisen,
  • der Einsatz exzessiven Sexualverhaltens als Reaktion auf negative Gefühle und belastende Lebensereignisse sowie
  • erfolglose Versuche, das trotz negativer Konsequenzen fortgeführte Verhalten zu kontrollieren, Verhalten wird unsteuerbar
  • Nicht immer ist der betroffenen Person selbst das Leiden in dem Ausmaß bewußt, mitunter mehr den PartnerInnen oder der Familie. Das finden wir bei zahlreichen anderen Suchtformen ebenfalls.

Wichtig: Eine moralische Bewertung (Missbilligung) sexueller Impulse, Triebe oder Verhaltensweisen (schlechtes Gewissen), reicht nicht aus, um Sexsucht zu diagnostizieren.

 

Fallbeispiel 1

Der 15 jährige Bub, der sich 3x täglich selbstbefriedigt, am Wochenende vielleicht noch öfters - durchlebt eine altersgemäße intensive Phase der geschlechtlichen Erprobung, hormonelle Umstellung etc. Klar steht Sexualoität im Zentrum seiner Entwicklungsphase. Alles im grünen Bereich. Verknüpft er es mit täglich 6 Stunden online Pornokonsum - gelangt er in den orange-roten Bereich. Häufen sich sozialer Rückzug und Fernbleiben von der Schule ist er im roten Bereich angelangt. Rot bedeutet Suchtgefahr, Mißbrauch dieser Möglichkeit und letztlich Gefährdung der Gesundheit.

Fallbeispiel 2

Der Montagetechniker, der nach 2 Wochen Absenz von Zuhause endlich ein paar Tage frei hat und beim Heimkommen ab liebsten seine Partnerin noch im Vorraum lieben möchte und in der folgenden Tagen nicht genug bekommt, auch im grünen Bereich. Wobei hier ein anderes Problem besteht, nämlich das, den/die PartnerIn zum Objekt zu machen. Das hat auf Dauer mit Liebe nichts mehr zu tun und ist beziehungsgefährdend. Nicht wegen dem Sexbedürfnis sondern mit Bezug auf die Partnerschaft - daher oranger Bereich. Gleichzeitig taucht die Frage auf, wie der Heimkehrer seine Nähebedürfnisse noch anders ausdrücken könnte(?). Findet er dazu kreative neue Lösungen gelangt er wieder zurück  in den grünen Bereich.

Fallbeispiel 3

Der Mann, der um 04.00 Uhr morgens aufwacht und mit seiner Morgenerektion bereits seine Partnerin sexuell bedrängt. Ansonsten auch seinen Tagesrhythmus danach ausrichtet, wann er gleich wieder Sex "haben" kann. Einer der uneinsichtig fordert, über Grenzen steigt, verbal und körperlich. (oft auch in Kombination mit Pornokonsum). Seiner Partnerin will er vielleicht noch einreden, sie sei frigide, weil sie nicht so oft wolle etc. (Abwertung der Partnerin). Ungeschaut im roten Bereich. Dabei fällt auf, dass ich bisher nur männliche Beispiele genannt habe. Bin nicht sicher, ob diese Häufung repräsentativ ist oder deshalb, weil Männer mit dieser Thematik lieber zu männlichen Therapeuten kommen.

 

Testen Sie sich mit den folgenden Fragen selbst  | Sexsüchtig oder just passionate?

 

  1. Wieviele andere Interessen außer Sex haben Sie noch sonst im Leben?
  2. Was entspannt Sie und was tun Sie aktiv dafür? (Alkohol und Drogen gelten hier nicht)
  3. Wie sieht es Ihre PartnerIn? Offenes Partnergespräch wäre angesagt - holen Sie sich die Antworten von ihr/ihm.
  4. Was wird durch Ihr Sexualverhalten in den Hintergrund gedrängt (wegen Zeitaufwand, Planung, Durchführung) - wo wird Wichtiges vernachläßigt?
  5. Versuchen Sie, sich mit Sex zu trösten oder andere psychische Wirkungen herbeizuführen? Ein Vorher/Nacher Vergleich mit/ohne Sex kann Sie sicher machen.
  6. Ist Ihr Selbstwert überwiegend auf dem Ausleben der sexuellen Rolle aufgebaut?
  7. Können Sie es erwarten? Können Sie eine für beide passende Gelegenheiten finden und diese liebevoll gemeinsam gestalten?
  8. Sind Sie beim Sex in Beziehung zu Ihrem/r SexpartnerIn oder ist er/sie nur "Mittlerin zum Zweck"? Ehrlich jetzt - Blick in den Spiegel.
  9. Wie schätzen Sie sich selbst ein, suchen Sie seit Längerem eine Veränderung im Ausmaß - aber es gelingt schwer/ oder nicht?

Dedicated follower of passion, ein Wortspiel mit einem alten Songtitel der Kinks

 

Gelebte Sexualität ist und bleibt ein wichtiges Element im Leben. Sie erfreut uns und ist erwiesenermaßen gesundheitsfördernd. Dabei existiert sie in vielen unterschiedlichen Formen, immer auch in uns als (alleiniger) Person und nicht ausschließlich in einer Beziehung. Sollten dazu Fragen auftauchen stehe ich gerne mit Rat zur Seite!

Sexuelle Fragen beschäftigen viele Menschen im Stillen, doch Sexualität ist auch etwas Dialogisches.

Herzlich Willkommen zu einem Gespräch darüber,

Martin Geiger, Sexualtherapeut

 


 

Literaturtipps

 

Sexsucht
Suchtverhalten
Leidenschaft
Don Juan