21 Jan 2022

Sexualität und das Leistungsprinzip

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Als das Leistungsprinzip sich bis ins Schlafzimmer verirrt hatte...ging es den Liebenden nicht mehr so gut. Mit der Zeit verspannten sich ihre Körper mehr, statt in die lustvolle Entspannung zu kommen. Statt Beruhigung kamen sorgenvolle Gedanken (Mache ich genug... sollte ich vielleicht mehr...wird ihm/ihr am Ende langweilig mit mir...?)

Alle Lebensbereiche eignen sich für ein leistungsorientiertes Vorgehen. Auch die Sexualität und das Beziehungsleben. Davon soll heute die Rede sein. Das Leistungsprinzip als eine Art Erfolgsrezept dringt in unterschiedliche Lebensbereiche vor. Wie tickt Ihr innerer leistungsbereiter Teil? Denken Sie an etwas, das Sie in der letzten Zeit geschafft haben - oder an etwas, das noch auf Sie zukommt und geschafft werden soll.

Wie fühlt es sich VOR der Bewältigung an?

  • Freudige Vorerwartung, Spieltrieb und Experimentierfreude?
  • Oder Bedenken zu versagen, Grübeln, schlaflose Nächte bis hin zu existenziellen Ängsten?
  • Impulse, der Leistungsanforderung auszuweichen - sich ruhig verhalten und abwarten?

Wie ist das Gefühl NACH dem Geschaffthaben?

  • Kommt in Ihnen Beruhigung, Zufriedenheit, Erleichterung auf?
  • Oder ist es Stolz, ein Mehr an (Selbst-)Sicherheit? Gehen Sie nun aufrechter, mit mehr Blickkontakt auf andere zu?
  • Dürfen Sie sich nun belohnen oder es sich nun gut gehen lassen - und vielleicht pausieren?
  • Oder kehrt nach dem Schaffen bald wieder Leere ein und damit auch die Sorge um die nächste Aufgabe in Ihrem Leben?

Besonders wichtig: Wie fühlt sich das Leisten, die Pflichterfüllung körperlich an?

 Foto von Victor Freitas von PexelsDas Leistungsprinzip kann verbunden sein mit: Effizienz, Dauerleistung (Stehvermögen), Schnelligkeit, Einzelkampf, Wettstreit, Aufopferung, Anspannung und Anstrengung (streng sein), Zielstrebigkeit, Kopfarbeit (Kopfzerbrechen machen), Hartnäckigkeit (harter Nacken) und mitunter auch mit dem Dang nach Steigerung der genannten Qualitäten. Ohne "Umwege" und um jeden Preis zum Ziel. Passen diese Verknüpfungen auch ins Schlafzimmer?

Leistungsbereitschaft scheint einige Vorteile zu bringen.

Es gibt gute Gründe für das Leistungsprinzip: Leistung bringt Beachtung (ich werde wahrgenommen), Wertschätzung (ich kann etwas und verdiene Lob), Erleichterung (endlich wird eine (Außen-)Erwartung erfüllt, der Druck läßt somit nach), Ablenkung (die Aufmerksamkeit geht von Innen ins Außen), Wirksamkeit (ich bewirke etwas also bin ich), sozialen Rang (ich leiste mehr als...andere), Aktivität (ich gestalte etwas) etc. Diese Qualitäten könnte wer auch in der Partnerschaft suchen - zum Beispiel durch Leistung beim Sex. Beachtung und Wertschätzung durch kunstvolle Sexualartistik und endlose Höhepunkte? Permanent abenteuerliche (und atemlose) Sexspiele? Perfekt inszenierte und getimete Bettszenen? Das klingt anstrengend und widerspricht einer entspannenden und verbindenden Sexualität.

Sexualität ist eine Erscheinungsform von personaler Nähe, Liebe und vor allem Kommunikation.

Leistung, Strenge, emotionale Härte, Kopfarbeit passen dort nicht gut ins Bild. Der Körper will angenehm und respektvoll berührt werden, Beruhigung und Entspannung sind das Ziel. Freier Wille und dazu auch Genuß. Jede Begegnung, so könnte man es beschreiben, ist wie ein "Einzelstück". Aus einer einmaligen Komposition von Stimmungen, Bedürfnissen und Wahrnehmungen zweier Menschen geschaffen. Hat wohl wenig mit einem Leistungsprinzip zu tun. Sondern?

  • Sich verlangsamen und gelassen werden,
  • den Alltag vorbeiziehen lassen,
  • sich in Ruhe auf einander einlassen - sich Zeit geben
  • vertrauen und zulassen können,
  • den/die PartnerIn zum Begegnen einladen,
  • das Leistungsprinzip ruhen lassen,
  • sich im Liebesspiel auf ganz persönliche Weise lieben lassen (und nicht wie im Porno vorgezeigt).

Alle genannten Qualitäten haben sehr viel mit Lassen zu tun. Was nicht heißt, dass es dabei keine Initiative braucht. Ein aktives auf einander Zugehen, kraftvoll und lebendig. Wenn zwei nur "Lassen", passiert nichts im Bett. Dazu ist die innere Haltung sehr entscheidend. Steigt wer mit anstrengendem Kopfkino und Leistungsgedanken ins Bett...oder achtsam, handlungsbereit und in einer liebevollen Begegnung sich selbst und dem/der PartnerIn gegenüber?

 

Falls Sie das mehr interessiert oder Sie weitere Gedanken dazu mit mir austauschen wollen lade ich herzlich dazu ein.

Liebe Grüße,

Martin Geiger, MSc, Paar- und Sexualtherapeut

 


Einmal mehr als Nachlese zum Thema Langsamkeit und Bewußtheit beim Sex empfohlen:  Diana Richardson, Zeit für Liebe