18 Sep 2021

Psychotherapie für Senioren

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Wirkt Psychotherapie bei Senioren und Seniorinnen  (ab 65+) schlechter oder gar besser als bei jungen Menschen?

Eine interessante Frage, der eine englische Forschergruppe nachgegangen ist. Dazu wurden 100.000 Datensätze aus 2018-19 analysiert. Die Studie meint jedenfalls, dass Psychotherapie bei Älteren effizient sei. Früher wurde angenommen, dass Ältere zu unreflektiert oder gar geistig zu unflexibel seien. Zudem war die therapeutische Versorgung (am Land jedenfalls) sehr dürftig. Das hat sich gewandelt, PsychotherapeutInnen gibt es nun ausreichend, jedoch mangelt es an kassenfinanzierten Plätzen.

Ich habe in der Praxis oft genug erlebt, dass selbst Menschen über 70 Jahren sehr von Psychotherapie profitieren können.

In der Alterskohorte über 65 Jahren hat jede/jeder Vierte mit psychischen Problemen zu tun, zumeist sind es Depressionen oder Angststörungen. Ältere Menschen sehen sich mit Erkrankungen, mit dem Alterungsprozess selbst oder mit Verlusten konfrontiert. Mitunter müssen sie dies mit unzureichenden "Werkzeugen" meistern.

Was ist damit gemeint? Die "Werkzeuge" sind z.B. die Fähigkeit zur Selbstreflexion, ein Gefühl für Selbstwirksamkeit, die Fähigkeit Gefühle auszudrücken und ganz besonders das Bewußtsein für den eigenen Körper. Siehe weiter unten der Hinweis auf deren Eltern (Was deren Eltern erlebt haben, ...), die sehr harte Zeiten zu bewältigen hatten. 

Depressionen hängen bekanntlich oft mit Verlusten im sozialen Netz und dadurch entstandenen Verletzungen zusammen. Wichtige Freunde und Freundinnen werden altersbedingt weniger und die Kinder sind bereits ausgeflogen.

Die über 70 Jährigen sind oft lange Zeit nur mit Psychopharmaka versorgt - jedoch nicht immer mit den Passenden. Zumeist versuchen sie häufig ohne Psychotherapie zurecht zu kommen. Das wäre verglichen mit orthopädischen Leiden (Gelenksprobleme,Wirbelsäule, Schulter) so, wie wenn PatientInnen ausschließlich mit Schmerzmittel versorgt sind und keinerlei Physiotherapie oder Muskelaufbau etc. erhielten. Leider kommt auch das recht oft vor und ist eigentlich als Kunstfehler zu sehen.

Das Aufwachsen der  65+

Unter welchen Bedingungen sind Sie aufgewachsen? Geboren sind sie 1955 und davor, also in der Nachkriegs- und Aufbauzeit. Meist eine vaterlose Zeit. Die Eltern sind während der Kriegszeit geboren und aufgewachsen. Die Ü 65 hatten somit kriegstraumatierte Menschen als erste Bezugspersonen.  Vielleicht ist der Vater nicht heimgekehrt, die Mutter mit den Kindern alleine. Vater oder Mutter oder beide haben Verletztendes erlebt, den politischen und existenbedrohend wirtschaftlichen Zusammenbruch überlebt. Arbeit nichts als Arbeit. Wer hatte das Zeit zum Spielen mit den Kindern? Konnten die Eltern auf sich schauen - nein keine Zeit. Präsent bei den Kindern zu sein - keine Zeit. Essen, Trinken, Dach überm Kopf, Weihnachtsfest, Sonntag als einziger Ruhetag, das war die Realität in der Familie der über 65+

Was hindert ältere Menschen an einer Psychotherapie?

  • Unwissen und manchmal Scham
  • zu großer Altersunterschied zu Therapeuten (weil andere Lebensphase)
  • fehlendes Vertrauen wegen großer seelischer Verletzungen
  • chronifiziertes Leiden - vielleicht zu lange zugewartet?
  • HausärztInnen, die keine Empfehlung für Psychotherapie schaffen
  • geringes Einkommen

Welche schönen Seiten bringen ältere Menschen in die Praxis?

  • Sie haben etwas zu erzählen - Lebenserfahrung
  • Verbindlichkeit und Verläßlichkeit
  • oftmals Zugang zur Spiritualität & Religiosität (Wichtig!)
  • Herzlichkeit, wenn einmal das Vertrauen entstanden ist
  • Große Freude, wenn im Alter Veränderungen gelingen
  • Erstaunen über die eigene Entwicklungsfähigkeit im Alter

 

Willkommen Seniorinnen und Senioren! Veränderung bringt Lebendigkeit und Psychotherapie hilft dabei in jedem Lebensabschnitt mit.

M.Geiger


PS: Wie kommen SeniorInnen am schnellsten zu einer Psychotherapie? Ein Anruf bei der NÖ Clearingstelle 0800 202 434 klärt, wo Sie im Bezirk KassentherapeutInnen finden. Dann bei den einzelnen TherapeutInnen selbst durchtelefonieren. Oder: nach frei praktizierenden PsychotherapeutInnen im Internet suchen, unter PsyOnline. Anrufen, Erstgespräch vereinbaren, ausprobieren, entscheiden. Für ein Erstgespräch ist keine Überweisung nötig. Später erklärt Ihnen der/die Kollegin, wie Sie zu einer teilweisen Kostenrückerstattung kommen oder noch andere Möglichkeiten finden.