26 Jan 2020

Sexualtherapie ist was genau?

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Die Sache mit dem Sex ist für Menschen komplex oder mitunter auch komplikationsreich. Dafür gibt es Sexualtherapie. Wir verstehen sie als einen spezialisierten Bereich von Psychotherapie, der zu einer besser gelingenden Befriedigung sexueller Bedürfnisse führen soll. Sex ist dabei nicht das Heilmittel oder die therapeutische Handlung, sondern, ... lesen Sie weiter.

Bild: ein kleines Kind hält ein Baby im Arm und sitzt auf einer BankSexualität fängt bereits vorgeburtlich an. Schon das Kind im Bauch der Mutter berührt und betastet sich an allen zugänglichen Körperstellen. Die Haut ist dabei eine Quelle der sinnlichen Erfahrungen. Das werdende Kind genießt dabei den Vorteil, dass kaum wer zusieht und schon gar niemand sich dabei einmischt. (Ausnahme: BeobachterInnen per Ultraschall wink)

Anders beim Baby und später beim Kleinkind. Hier verunsichert es manche Eltern, wenn sie erkennen müssen, dass das Kind sich gezielt an der Windel oder an der Decke reibt und dabei sichtlich verzückt dreinschaut. Später kommen Körpererkundungsspiele hinzu, auch gegenseitig unter Kindern gerne praktiziert.

Zeigst du mir deins, dann zeig ich dir meins? Altersentsprechende sexuelle Erfahrungen machen.

Jede Erfahrung mit dem eigenen Körper, damit ist nicht nur genitale gemeint, hat ihre Auswirkungen. Wird sie als überwiegend positiv erlebt, so bilden sich neue neuronale Vernetzungen im Gehirn gekoppelt mit Gefühlen von Sicherheit und Beruhigtsein. Die spezielle Körperregion wird ebenfalls deutlicher spürbar werden. So entsteht ein Selbstbewußtsein das sich auf den gesamten Körper (und auf die Genitalien) bezieht. Sicher und positiv kann es werden, wenn die körperlichen Bedürfnisse gut versorgt werden und wenn es liebevolle Aufmerksamkeit für die Gesamtheit des aufwachsenden Menschen gibt. Wenn Kontakt- und Spielfreude Platz im Leben haben und zu Neuem ermutigt wird. So ideale Bedingungen haben wir meist nicht vorgefunden. Es gilt daher, auch mit unvollkommenen oder weniger gut versorgten inneren Anteilen leben (und lieben) zu lernen.

Guter Selbstbezug (darin eingeschlossen der Körperbezug) ist ein sehr wesentlicher Ansatzpunkt einer späteren Sexualtherapie. Ein fehlender Bezug läßt sich in einem, in die Sicherheit der therapeutischen Beziehung eingebetteten Wahrnehmen, Spürenlernen nachträglich erfahren und erlernen.

Sexuelle Störung haben ihre Vorgeschichte. Der grundsätzliche Körperbezug wirkt sich auf die Entwicklung der Gefühlsverarbeitung, der Bindungsfähigkeit, die Erfahrungen mit der Umwelt (ganz besonders verletzende oder beschämende) aus. Wurden wir in der Vorgeschichte gestört, macht sich dies später ebenfalls bermerkbar. Aber Störungen haben auch eine Jetzt-Geschichte*. Menschen stehen durch Arbeit unter Druck, das bringt hormonelle Veränderungen und vielleicht Folgen von Dauerstress. Menschen werden im Jetzt auch verletzt: durch schwere körperliche Erkrankung, durch medizinische Eingriffe, oft auch  durch Gewalterfahrung, verunsichernde Beziehungsverhältnisse oder durch andauernd schwer lösbare Konflikte mit dem/der LiebespartnerIn.

Beides, die Vorgeschichte und die Jetzt-Geschichte* üben Einfluß auf das Erleben von Sexualität aus. Durch beides kann sexuell befriedigendes Erleben beeinträchtigt sein.

Mit der Sexualität in Einklang zu leben bedeutet, mit sich (inklusive Körper) und seinen Bezugsmenschen in einer guten und passenden Verbindung zu stehen.

Ziel dabei: Wieder mit dem eigenen  Körper (und dabei nicht reduziert auf die Genitalien) in einen guten Bezug kommen. Wenn es dort "klemmt", kann sich das in sexuellen Problemen zeigen.Bild: ein küssendes Paar

Auch so manche sexuelle Identitätsstörung kann hier ihre Wurzeln haben. Mitunter ist es nicht der falsche Geschlechtskörper, sondern überhaupt der Körper. Das Sein im eigenen Körper, der nicht als eigen erlebt werden kann. Wie soll es angenehm empfunden werden, wenn Verletzungen, lieblose Behandlung oder gar Vernachlässigung und "Fehlinformation" erfahren wurden?

  • Sexualtherapie hat so wie die Psychotherapie mit Beziehung zu tun. Ebenso mit Bindung, Beziehungsfähigkeit und Partnerschaft.
  • ... hat mit dem Körper zu tun, dem Gefühl zu ihm, der Zufriedenheit und den guten Erfahrungen mit und in ihm.
  • ... hat mit Wissen zu tun, denn es gibt zahlreiche Mythen rund um die menschliche Sexualität (viele davon im Internet).
  • ... bietet im Rahmen von vertraulichen Gesprächen an, das Thema neu zu ergründen und für sich weiter zu entwickeln.

In den Sexualtherapiestunden fließen alle genannten Ebenen, die damit zu tun haben oder hatten mit ein.

Für Fragen dazu stehe ich gerne zu Verfügung und wünsche Ihnen Alles Gute!

Martin Geiger, Psychotherapeut + Sexualtherapeut

 

 

*Jetzt-Geschichte ist natürlich kein Fachbegriff. Ich verwende ihn um anschaulich zu machen, dass Vergangenes mit aktuell Gelebtem in Zusammenhang stehen. Es ist jedoch auch wichtig, beide Zeitbereiche gut zu unterscheiden. In der Vorgeschichte werden bestimmte Reaktionen gebahnt, Muster angelegt - die im Jetzt mitunter automatisiert erlebt oder angewendet werden. Daher fördern sehr emotionalen Situationen meist die "alten Muster" zu Tage. Dies geschieht unbewußt und kann in einer Sexualtherapie ebenfalls Thema sein.

 

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