8 Mär 2015

Sexualität und neue Medien

Submitted by M.Geiger

Für die Entwicklung der Sexualität haben neue Medien heute einen viel wichtigeren Stand, als je zuvor. Dies betrifft die Information wie auch die Kommunikation und Interaktion von Personen. Die unmittelbare persönliche Aufklärung war früher auch Mangelware bzw. sie kam meist zu spät. Die Informationsquellen waren: "die Gasse", Bücher oder später Jugendmagazine wie das "Bravo" mit dem allseits bekannten Dr. Sommer Team. Pornohefte gab es und erotische Kunst  auch immer schon. Nach der sexuelle Revolution und kam die Sexwelle ins Rollen. Als Gegenbewegung zu einer konservativen Zeit waren die 1968er und die sexuelle Befreiung gekommen, wichtig war dazu auch die Verbreitung von Verhütungsmitteln ("Pille"). Sexualitätsbezogene Inhalte wurden vorwiegend über Illustrierte als Medium vermittelt und verbreitet.

Ein Meilenstein in der österreichischen Geschichte der Sexualkunde war der "Sexkoffer". Er ging erstmals mit anfassbaren Medien durch die Schulen und sorgte dabei anfänglich für öffentliche Errregung. Der Love-tour Bus erregt da in der heutigen Zeit wesentlich weniger Anstoß. Vielleicht erinnern sich manche noch an Martin Humer, den "Porno-Jäger", der für viel Aufsehen sorgte, weil er vermeintlich zum Schutz der (konservativen) Wertehaltung eine Hetze gegen den Dialog über das Thema Sexualität führte.

Kunst als Medium in Bezug auf Sexualität: Im österreichischen Kunstbereich sorgte in den 1970ern in Österreich der Aktionismus für Aufsehen - man erinnert sich an VALIE EXPORT und diverse Aktionen im öffentlichen Raum, die ganz besonders das Thema Sexualität berührten und die Bevölkerung durch Provokation polarisierte.

Videos kamen danach auf - jedoch die Allgegenwart von Information aus dem Internet konnte sich noch niemand vorstellen. Heute hat die Videothek und damit auch sexualitätsbezogener content in jeder Hosentasche Platz. Kinder | Jugendliche fragen nicht die Erwachsenen (da hat sich nicht viel geändert) oder lesen in Büchern, sondern sie wenden sich an Suchmaschinen und Videoportale.

Im Internet findet sich eine Unzahl an Anleitungen für so ziemlich alle Lebenslagen - so auch für unser Sexualleben.Nebenstehendes Beispiel zeigt den output meiner testweisen Suchanfrage "How to make good sex", die ca. 900 Millionen englischsprachige Einträge ergeben hat. Google bestätigt ja auch, dass ein erheblicher Anteil der Suchanfragen rund um das Thema Sex einlangen.

Medien spielen also eine sehr gewichtige Rolle in der Entwicklung der Sexualität v.a. während der Pubertät. Es gibt Stimmen, die vor einer Überreizung warnen, weil sexuelle Inhalte beliebig verbreitet und vervielfältigt werden können. Häufig ist der Verkauf von (Luxus-)Waren mit sexuellen Sujets verbunden. Das Bilderspiel mit der (zumeist weiblichen) Sexualität ist bei bestimmten Produkten bereits Teil des Marketings. Damit ist verbunden, dass das Geheimnisvolle und auch die Intimität bedroht sind bzw. es zu einer Entwertung der Frau kommt. Musikvideos, eine sehr wichtige marketing Strategie beim Verkauf von neuen Tonträgern, sind ohne halbnackte TänzerInnen und unvorstellbar geworden.

Die Schwelle ("Schamgrenze") wurde damit gesenkt - es entsteht wohl bei den Betrachtern der Eindruck, dass sexuelle Motive nahezu überall und immer gezeigt werden dürfen. Auf Jugendliche wirkt dies insoferne, als sie sich selbst zu fotografieren begonnen haben, auch nackt und dies in ihren Kreisen verbreiten. Bekannte Portale dafür sind: whatsapp, instagram und youtube (trotz Zensur), um sich zur Schau zu stellen. Medien werden zu Vorbildern und prägen neue Werthaltungen.

Bilder sind bekanntermaßen bekanntlich wichtig für das Lernen. Menschen, die uns etwas vorzeigen, vorleben. Das Geschlechtsleben ist ein intimer Bereich, schwer vorzuzeigen - aber der Bezug zum Körper, das Benennen, Besprechen von Entwicklungsvorgängen (erste Regel, Samenerguß) ist möglich. Und wünschenswert. Bilder prägen sich ein, gerade dann, wenn die Motivation besonders hoch sprich die Neugier groß ist.

Haben Sie schon einmal ein after sex selphie gepostet?

Damit ist eine Mode gemeint, sich/und/oder PartnerIn unmittelbar nach dem Geschlechtsakt zu fotografieren und dies zu veröffentlichen. Beweismaterial, Stolz, Anteil nehmen lassen am Glück?

So ist es durch das Medium Internet möglich geworden, dass sich Jugendliche mit 12 Jahren kaum mit dem eigenen Körper auskennen (sie kennen zwar viele biologische Details, vermissen jedoch Körpergefühl, emotionalen Bezug), geschweige denn zu einer Liebsbeziehung reif sind und dennoch beschäftigen sie sich mit sexuellen Praktiken in allen Details.

Die brennendste Frage scheint heute nicht zu sein: Wie komme ich zu einem Rendezvous in realtime, zum Handerlhalten und schrittweise zu mehr Nähe - sondern: Was muss beim Analverkehr beachtet werden, ... was kann ich tun, wenn mein Genital nicht dem Abbild der PornodarstellerInnen entspricht? Wie kann die (phantasierte) Ausdauer gesteigert werden, wie kann ich viel / mehr / noch länger, ...

Noch vor dem ersten zaghaften Kuss werden per whatsapp intime Details im Kreis geschickt und Wetten um möglichst viele "Aufrisse" abgeschlossen. Im virtuellen Bereich verliert Sex "an Körperlichkeit", er wird technologisiert und auf Praktiken reduziert. Hier sehe ich die nachteilige Wirkung und einen großen Auftrag, den Umgang mit den neuen Medien besser zu begleiten. Siehe Diskussion in Österreich zu Sexualerziehung.

Man muss realistisch kritisch anmerken, dass es nicht nur die "schöne neue Welt im WWW" gibt, mit ihrem tollen Bildungsangebot und dem gesammelten Wissen (allerdings gefiltert durch googles Suchschlitz) - sondern, dass eine riesige Industrie (Film, Spiele) an der Darstellung sexueller Inhalte Milliarden verdient und diese Quelle gerade weiter ausbaut. Dies wird mehr medialen Einfluss auf das Sexualverhalten bringen denn alles bisher Vorstellbare. Pornofilme im herkömmlichen Sinn reichen nicht aus. Dazu ist einerseits zu beobachten, dass Inhalte in Pornodarstellungen immer brutaler werden und Gewaltausübung in den Vordergrund rückt. Dies hat ungünstige Vorbildwirkung, weil eine Verrohung, Entwertung stattfindet. Lesetipp: Sexuelle Gewalt in den neuen Medien, Dr.in Catarina Katzer

Zudem bringt die Entwicklung von 3D Darstellung und spezielle Brillen - siehe Oculus rift und die Zukunft der Masturbation - den/die BetrachterIn virtuell ganz nahe an sexuelle Darstellungen und Handlungen heran. Über Sensoren/Vibratoren werden Pornos für die Konsumenten zu Hause fühlbar und die neue Technik ermöglicht es, die Reaktionen an die DarstellerInnen zurückzugeben und sie damit zu steuern. So wird der Konsument (und es sind meist männliche Benutzer) in das Medium "hineingezogen" in einen virtuellen Raum, der alle Wünsche erfüllt. Das Gegenüber wird in Zukunft nicht die echte Darstellerin, sondern ihre virtuelle Kopie sein, animiert von einem Hochleistungsrechner /schnellen Serververbindungen und von den Wünschen des Kunden. Ein neuer Markt tut sich für Porno- und Spieleindustrie auf.

Die nächste und bereits in den Startlöchern stehende Technologie ermöglicht es mehreren SpielteilnehmerInnen, in sexuelle Handlungsabläufe einzugreifen. Man kann dabei sich gegenseitig virtuell  stimulieren und befriedigen und mittels action camera werden sexuelle Handlungen von den Akteuren jetzt bereits aus der Ego Perspektive aufgezeichnet und dem Konsumenten geliefert. Ein Rollentausch, also das Hineinschlüpfen in den/die Darstellerin ist nahtlos möglich. Aktuell: Zur Entwicklung von Sex-Puppen schreibt die New York Times oder auf Deutsch der online Standard.

Die neuen Genitalsensoren, Vibratoren und Aktoren haben noch etwas unhandliche Formate und sind an den home computer gebunden.

Dass dabei wieder Daten gesammelt werden, versteht sich von selbst, denn die Produkte wachsen mit den Bedürfnissen und diese wiederum mit den angebotenen Produkten usw.

Jetzt noch ein paar spannende Fragen: Wie wird es den Körpern mit diesen virtuellen Techniken in Zukunft gehen? Wie wir Intimität künftig definiert sein? Wer begibt sich da noch außer Haus? Wer traut sich noch drüber, sich an/in der persönlichen bezogenen Sexualität weiterzuentwickeln?

Wieviele Menschen werden sich nur mehr mit der Bedienung von Reflexen zufrieden geben - mit einer Art fastfood für den Sexualtrieb?

Wer wird (wieviel) für die schönste Sache der Welt bezahlen und denkt dann noch wer daran, dass es auch noch ohne Technik geht?

Als Psychotherapeut und Sexualtherapeut bin ich natürlich sehr gespannt, wie die Menschen mit den Medien und neuen Techniken zurecht kommen. Werden sie zufriedener sein, wenn Sie allen Phantasien mit Hilfe der Technik nachkommen können?

Wird es weniger Probleme oder ganz eigene neue Schwierigkeiten geben? (Eifersucht auf virtuelle models, Nähe-Distanzproblem mit dem PC oder MAC, Vibrationsprobleme statt Erektionsproblemen?)

Ich werden darüber an dieser Stelle berichten,

Und wünsche Ihnen: Alles Liebe!

 

 


 

Weiterführende Links zum Thema Sexualität / Pornografie / Medien

 


Humoriges  zum Thema

  • Im Youtube Videokanal fand ich folgende deutsche Aufklärungsanleitung. Sie sei als Beispiel für Aufklärung heutzutage genannt.
  • Für Erwachsene ein amüsantes Video: Kommst du mit auf einen f***?