18 Aug 2017

Gibt es depressive Beziehungen?

Submitted by M.Geiger

Kann eine Beziehung an Depression leiden?

Können zwei Menschen, die sich soweit gesund fühlen und ein erfülltes Arbeitsleben haben in einer "Beziehungsdepression" zusammenleben? Die Praxis zeigt: Ja, zwei weitgehend Gesunde können etwas Ungesundes miteinander entwickeln. Obwohl die Beziehung an sich kein eigenständiges Wesen ist, kann Partnerschaft sich zu einem leidvollen System entwickeln. Sie kann erkranken und es finden sich depressive, neurotisch-ängstliche, abhängige oder anders auffällige Strukturen.

Als depressiv im klinischen Sinne werden Menschen mit klar definierten Symptomen genannt. Alle Menschen lernen es in ihrem Leben kennen, nur bei einer ausgeprägten Depression vergeht es nicht leicht. Die Kernsymptome einer depressiven Verstimmung - je nach Anzahl und Intensität der Symptome wird leicht/mittelgradig/schwer unterschieden.

Die bekannten Anzeichen

  • gedrückte Stimmung
  • Verminderung von Antrieb und Aktivität
  • Fähigkeit zu Freude, Interesse und die Konzentration sind vermindert
  • Müdigkeit oder Unruhe bereits bei geringer Aktivität
  • gestörter Schlaf, Appetit vermindert, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen meist beeinträchtigt, Gefühle der Wertlosigkeit oder Schuld
  • Suicidgedanken /handlungen

Nicht alle der genannten Anzeichen können 1 zu 1 auch auf ein Beziehungssystem umgelegt werden. Eine Beziehung wird wohl nicht suicidal werden, aber es kann für beide völlig die Hoffnung verloren gehen und die "innere Kündigung" eines/r PartnerIn kündigt wohl das Beziehungsende an. Nicht mehr miteinander zu essen, im Schlaf häufig gestört zu sein, Müdigkeit als thematischer Dauerbrenner, ... weniger gemeinsame Aussenkontakte, Sprachlosigkeit, davon kann das Beziehungssystem sehr wohl betroffen sein.

Schließlich gibt es noch zwei andere Varianten. 1.) Einer der Partner IST selbst depressiv erkrankt und 2.) das Zusammenleben mit den oben beschriebenen Zuständen macht mit der Zeit unglücklich/ kostet Energie/ bis hin zu depressiven Symptomen bei einem/beiden. Diese zwei Möglichkeiten werden in Internetforen sehr oft beschrieben.

 

So entstehen Gegensätze

In der Arbeit & mit den FreundInnen entspannt, engagiert und voller Elan - zu Hause fällt der Energiepegel ab der Eingangsschwelle rapide ab und wechselt in Gereiztheit.

Bereit zu Überstunden, Kurzurlauben (eventuell mit erotischem Abenteuer) - Daheim total geschafft, ausgepowert.

Beim Frauen/Männerabend noch die hitzige Diskussion über das Weltgeschehen - wieder Zuhause angelangt, geräte der kürzeste Einkaufszettel in Vergessenheit.

Außerhalb läuft der sprühende Witz, lustvolle Phantasien, erotisches Prickeln - Daheim der Lustverlust, entweder nicht einmal eine herzliche Umarmung oder allenfalls Streicheln vor dem TV.

Im Zusammensein mit anderen voller Ideen und aufkommende Kreativität - Zuhause alles in Zweifel stellen, häufig die Sinnfrage: Ob das noch was wird, ...  besser nicht darüber nachdenken oder reden.

 

Das Gute an diesem Befund ist: Die Kraft wäre da! Die Lebendigkeit hält sich nur bedeckt.

Die arbeitsreiche Frage daran: Warum lasse ich meine/n PartnerIn nicht mehr an diesen Energien teilhaben?

 

Was tun?Bild: Wildbach mit Baumstamm, Quelle: M.Geiger c/o 2017

  • Erkennen und tief in den Spiegel blicken - wenn nötig mit Hilfe eines Therapeuten. An dieser Stelle ein paar Anreize durch Fragen:
  • Zumeist ist die Verbindung der PartnerInnen schwächer geworden - stattdessen wurde das EinzelkämpferInnen-Programm einstudiert, finden Sie sich da?
  • Weniger Zeit für einander (kann Arbeits/Kinder bedingt sein) - aber letztlich entscheiden Sie mit der Zeitverteilung auch über die Wichtigkeiten in Ihrem Leben.
  • Über Mißverständnisse in der Beziehung nicht mehr geredet - alte Wunden aufgetaucht - Resigniert, weil immer noch nicht verheilt?
  • Persönliche Veränderungen nicht (mehr) kommuniziert, aber viel diskutiert (?) - Reden ohne persönliche Gefühlsbotschaft.
  • Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären die Beziehung - wir nennen es in der Therapie den Rollenwechsel.

 

Lösungsansätze

  • Wie war das noch früher bei Ihnen? Wo haben Sie sich am leichtesten ausgetauscht, wo am besten zusammengefunden? Ort, Situation, Stimmung?
  • Was müsste sich ändern, dass Sie wieder zum Teilen bereit werden?
  • Was könnten Sie für sich tun?
  • Wäre es vorstellbar, wieder mehr von sich zu erzählen?
  • Oder welcher wäre der erste Schritt, den Sie selbst setzen können?
  • Unter uns gefragt: Wollen Sie?

 

 

Der Versuch lohnt sich - gutes Gelingen dabei wünscht,

Martin Geiger, Psychotherapeut

 

 

 

PS: Demnächst geht es um die ängstliche Beziehung. Meine Blogbeiträge erscheinen je nach zeitlicher Auslastung ca. monatlich.